Ein Feuilleton in Berlin

Gedanken über die Stadt und ihre Bewohner


Hinterlasse einen Kommentar

Der Mann mit dem Jesus-Koffer

Ich saß vor ein paar Tagen Abends mit zwei Freunden beim Monbijoupark am Ufer der Spree und wir redeten über dies und das. Als es dann wieder an der Zeit war nach Hause zu gehen, trennte sich unsere Wege und ich nahm die S-Bahn. Mit einer fast leeren Bierflasche in der Hand saß ich am Fenster und betrachtete die vorbeiziehende Stadt und das Abendlicht, das sich über Berlin erstreckte.

Ohne ihn überhaupt bemerkt zu haben, stand auf einmal der Mann mit dem Jesus-Koffer im Zwischengang neben mir und schaute mich an ohne etwas zu sagen. Demontrativ präsentierte er stumm die in orangenen Lettern gestaltete Aufschrift auf seinem Koffer: „Möchte Sie mehr über Jesus erfahren? Sprechen Sie mich an„.
Ich starrte ihn kurz an und er ging weiter. Es fiel mir auch nichts ein was ich hätte sagen können. Mir kam auch kein „Nein, Danke“ über die Lippen. Er ging weiter zur nächsten Person und wartet auch da wieder auf eine Reaktion.

Ich bin diesem Mann in meinen fast 10 Jahren in Berlin schon ein oder zwei Mal begegnet, immer wieder in der S-Bahn. Das ist sogar relativ wenig und das in einer in einer Stadt, in der ich in der U-Bahn oder S-Bahn immer wieder die gleichen Personen treffe. Doch man trifft dort nicht nur die gleichen Personen die zur Arbeit gehen, sondern auch immer wieder die gleichen Personen, die die Motz oder den Straßenfeger verkaufen. Man kennt sich – irgendwie. Doch dem Mann mit dem Jesus-Koffer bin in den letzten Jahren selten begegnet.

Wie ein Messias sieht er nicht gerade aus. Er trägt einen grauen Bart und hat schütteres dünnes längeres Haar. Er hat ein kleine Glatze auf dem Kopf. Etwas abgemagert ist er auch und er trägt ein T-Shirt und eine Hose mit Hosenträgern. Die Augen wirkten ein bisschen verloren. Doch nicht verloren weil ihn niemand anspricht.Vielleicht war er verloren in seinen Gedanken, seiner Idee, doch sein Blick hatte etwas sicheres, weil er an das glaubte, was er an den Mann oder die Frau bringen wollte.
Seinen Namen weiß ich auch nicht. Doch er sticht aus der Masse heraus. Gerade weil er so selten auftaucht. Von Zeit zu Zeit taucht er auf um seine Botschaft zu verbreiten. Das hat er mit einem Messias oder gar einem Propheten gemein.

Kein Messias und kein Prophet. Oder doch? Ich weiß es nicht. Was genau in seinem Koffer ist und was er mir denn über Jesus sagen könnte, kann ich auch nicht sagen. Ich sollte ihn das nächste Mal vielleicht fragen.
Vielleicht war er am Ende doch ein Art Messias, der immer wieder die Menschen zur Raison bringen will, weil diese es immer wieder zu vergessen scheinen.